10 Fragen an … Erik Spiekermann

Für unsere Interview-Serie „10 Fragen an …“ kommen nur waschechte Typen wie Henryk Köppen oder Alexander Bacic‘ infrage. Unser heutiger Interviewpartner versteht sich auf Typen wie kaum ein anderer: Erik Spiekermann lebt buchstäblich für die Schrift. Beim Adobe-Abend in Hamburg haben wir einen kleinen Vorgeschmack auf das kreative Schaffen des Schriftgestalters bekommen, denn da drehte sich alles um Design – auch Schriftdesign. Derzeit läuft die Aktion Adobe Hidden Treasures in Zusammenarbeit mit dem Bauhaus Dessau.

Professionellen Typografen und bekennenden Buchstabenjongleuren bieten Adobe und das Bauhaus Dessau besonderen Gestaltungsspielraum. Sie können schreiben wie die Bauhaus-Meisterdesigner. Jeden Monat erwacht ein typografisches Bauhaus-Original zu neuem Leben. Erik Spiekermann und seine Studenten sind federführend bei der Ergänzung moderner Zeichen und der Digitalisierung der alten Schriften gewesen, die du in ihrer aktualisierten Form hier downloaden kannst.

Und wozu das Ganze? Klar, für eine immer neue Design-Challenge, bei der dein Schriftempfinden gefragt ist. Wie hat ein Poster im Bauhaus-Stil auszusehen oder eine Visitenkarte nach dem Leitsatz „weniger ist mehr“? Fragen über Fragen. Da haben auch unsere zehn nicht ausgereicht, um unseren Wissensdurst zu stillen. Kurzerhand sind es elf geworden, die wir Erik Spiekermann gestellt haben. Dass er damit aus dem Raster fällt, stört ihn hoffentlich nicht weiter. Außerdem haben seine prägnanten Antworten unser Mehr an Fragen im Nu wettgemacht. Der Rest ist reine Formsache … du weißt ja, wie das abläuft:

Das Wort Typ steckt in Typografie. Was für ein Typ Mensch sind sie?
Erik Spiekermann: Ein ungeduldiger.

„Typomaniacs“ gibt es einige. Sie sind einer der bekanntesten. Wie startet ein Typomaniac seinen Tag?
Erik Spiekermann: Mit Lesen, was sonst?

Wenn sie eine Schrift wären, wie würden sie aussehen?
Erik Spiekermann: Schmal, ohne Serifen.

Was war bisher Ihre größte Herausforderung im Bereich Schriftendesign?
Erik Spiekermann: Die Schriftfamilie für die Deutsche Bahn. Muss überall einsetzbar sein, gut lesbar unter schwierigsten Bedingungen, platzsparend und in vielen Varianten vorhanden. Und dabei noch typisch genug die Marke zu vertreten, ohne albern zu sein

War das Thema Schrift und Design schon in Ihrer Kindheit und Jugend ein wichtiger Bestandteil?
Erik Spiekermann: Ja.

Was können wir in Zukunft an Innovationen im Bereich Typografie und Schriftdesign noch erwarten? Wird es dahingehend noch eine Revolution geben
Erik Spiekermann: Bin ich ein Wahrsager? Schrift wird immer sichtbare Sprache sein und sich sehr stark auf die historischen Modelle beziehen müssen, weil alles Wissen der Menschheit darin gespeichert ist. Revolutionen wird es nur geben in der Technik der Herstellung von Schriften, ihrer Verbreitung und der Lizensierung. Es sind ja urhebergeschützte Arbeiten, die aber noch leichter zu verbreiten und zu kopieren sind, als Musik. Wie werden wir in Zukunft Lizenzen handeln, wie bezahlen und wie kontrollieren?

Welches Schriftdesign würden Sie am liebsten nie wieder sehen müssen?
Erik Spiekermann: Alle, denen ein gewolltes geometrisches oder anderes Konzept zugrunde liegt, das nichts mit der Herkunft der Buchstaben aus der Handschrift zu tun hat. Wenn die Technik nur 8 Pixel hergibt, kann man daraus eine Schrift machen. Wenn man aber meint, jeder Buchstabe muss aus einem Quadrat bestehen oder einem Eichenblatt oder einem menschlichen Organ (habe ich alles schon gesehen), dann ist das keine Schrift, sondern eine Ansammlung von Zeichen. Siehe Adidas neulich zur WM. Angeblich inspiriert von „kubistischen Wohnblöcken aus der Luft“. Was hat das mit Schrift zu tun? Hat sich ja erledigt. Das ist wie der Unterschied zwischen der Darstellung von Sex und Pornografie. (kann man woanders nachlesen, bei Karl Kraus u.ä.). Der gewollte Effekt stört den Zweck, was bei Schrift immer die Kommunikation ist.

Was würden Sie einem jungen Designer als Motto für seine Laufbahn mitgeben
Erik Spiekermann: Lesen, reisen, arbeiten. Neugierig sein.

Sind Schriften für die Ewigkeit geschaffen oder sollen sie sich verändern?
Erik Spiekermann: Das entscheidet nicht der Gestalter, sondern die Zeit. Niemand kann einen Klassiker entwerfen.

Als Professor bringen sie den Studenten als erstes was bei?
Erik Spiekermann: Morgens um 9 pünktlich in der Klasse zu sein. Wer zweimal zu spät kommt, beleidigt den Rest der Klasse und kann daheim bleiben. Aber ich unterrichte nicht mehr, bin ja schon 71.

Zusatzfrage – Für Hidden Treasures: Bauhaus Dessau haben sie gemeinsam mit jungen Schriftgestaltern aus aller Welt die Schriftskizzen alter Bauhaus-Meister zu neuem Leben erweckt. Was für ein Gefühlt ist es, zu sehen wie jahrzehntealte Fragmente und Ideen in die Gegenwart übersetzt werden?
Erik Spiekermann: Sehr aufregend.

Vielen Dank für das Interview!

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