Der Hunger-Service – Marketing mit Moralkeule

Schon mal stundenlang frierend auf den Bus gewartet und im nächsten Moment einem Obdachlosen einen Fünfeuroschein in die Hand gedrückt? Dann wärst auch du auf diese sehr eigene Fundraising-Idee gekommen. Denn die Food Bank in Paraguay hat das Wort Mitleid nicht nur zur wichtigsten Motivation seiner Spender erklärt, sondern anscheinend auch etwas zu wörtlich genommen.

Denn die Non-Profit-Organisation setzte eine außergewöhnliche Idee um, die sich die paraguayische PR-Agentur Oniria für sie ausgedacht hatte. Diese könnte unter experience-marketing fallen: Die Food Bank ließ Leute förmlich mit-leiden, um sie später um Spenden zu bitten. Die Verbündeten der Kampagne waren zwei Pizza-Bestellservices in Asunción, die ihre Kunden mehr als eine Stunde absichtlich auf ihre Pizza haben warten lassen.

Die hungernden Wartenden bekamen ihre verspätete Pizza schließlich vom Pizzaservice geschenkt. Und im Karton versteckte sich die Mitteilung der Food Bank: „Wenn du hungrig bist, verstehst du den Hunger.“ Mit einer höflichen Aufforderung zur Spende.

Laut der Pressemitteilung ist die Kampagne außergewöhnlich erfolgreich gewesen. 50 Tonnen Essen sollen so für Kinder- und Altenheime zusammengesammelt worden sein. Das hört sich erst einmal gut an – aber: Wer möchte schon mit einer solchen Moralkeule belehrt werden? Und wer denkt an die Pizzaservices, die nicht nur das Vertrauen ihrer Kunden missbrauchen, sondern sie später auch noch um Geld bitten?

Dennoch ist die Idee eine Überlegung wert, vor allem vor dem innovativen Hintergrund der Pizza-Lieferdienste. So hat Anfang der achtziger Jahre auch niemand an den ersten Service geglaubt, bei dem man Pizza am Abend bestellen konnte. Doch mittlerweile ist dieser unter dem Namen call a pizza nicht nur deutschlandweit bekannt, sondern wächst auch in Zeiten der Krise. Da wollen wir bloß hoffen, dass der Service von call a pizza nicht auf die Idee kommt, die Marketing-Idee zu kopieren. Sonst könnte er demnächst die Pizza tiefgekühlt ausliefern lassen, um für die Kältehilfe in Deutschland zu sammeln. Und da wäre das Herz wohl ein wenig schwerer zu erwärmen.

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